POLITYKA   Komentator. Europa-Niemcy-Polska  
Obcokrajowcy o EURO2012

Polen bringt die Fußballeuropameisterschaft 2012 einen deutlichen Imagegewinn.

Kai Olaf Lange
Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)

Auch wenn es sportlich für die polnische Nationalmannschaft nicht besonders gut lief – Polen bringt die Fußballeuropameisterschaft 2012 einen deutlichen Imagegewinn. Dies gilt zumindest für Fans und Menschen in Deutschland, denen die Medien ein alles in allem sehr positives Bild über Land und Leute lieferten. Dies war keineswegs eine ausgemachte Sache, denn im Vorfeld des Wettbewerbs waren auch in Deutschland Zweifel geäußert worden – ob Stadienbau und sportliche Infrastruktur internationalen Standards entsprechen, ob Transport und Unterbringung großer Fanmassen problemlos ablaufen würde, ob insbesondere der Ausbau des Straßennetzes und anvisierter Autobahnen effektiv vorangehe und ob die Behörden in der Lage sein würden, gewaltbereite polnische Hooligans in die Schranken zu weisen. Doch diese Skepsis verflog mit dem Näherkommen des Turniers in wachsendem Maße. Zwei Gründe dürften dafür verantwortlich gewesen sein.
Zum einen nutzten zahlreiche deutsche Medien die Europameisterschaft, um über die sportlichen Fragen hinaus politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kontexte Polens darzustellen. Dabei ergab sich in der Berichterstattung das Porträt eines Landes, das ungeachtet europaweiter Finanzkrisen ein solides Wachstum vorweist, das sich kontinuierlich modernisiert und das die Chance seiner EU-Mitgliedschaft genutzt hat.
Zum anderen schob sich in den Wochen vor dem Wettbewerb der innerukrainische und europäisch-ukrainische bzw. deutsch-ukrainische Konflikt um Julia Tymoschenko in den Vordergrund. Damit richteten sich die Schlaglichter des öffentlichen Interesses auf die politischen Verhältnisse in der Ukraine, die zunehmend als „Problemfall“ wahrgenommen wurde. Vor diesem Hintergrund wurde Polen gleichsam zur „Anti-Ukraine“, zum positiven Ausrichterland der Europameisterschaft gegenüber der Ukraine mit all ihren politischen, administrativen und sozialökonomischen Defiziten. Jenseits der Frage Tymoschenko rückten stärker als zuvor überteuerte Hotels oder die aufgrund offensichtlicher Korruption ausufernden Kosten des Stadionbaus in den Fokus der Medien.
Der Verlauf des Turniers bestätigte diese Tendenzen. Zwar kam im Zusammenhang mit dem politisch brisanten Spiel zwischen Polen und Russland nochmals Skepsis und Kritik auf. Die tätlichen Auseinandersetzungen zwischen polnischen und russischen Fußballfans wurden von manchen deutschen Medien stark vergrößert dargestellt und fast schon als Straßenschlachten interpretiert, doch nahm man auch die insgesamt konstruktive Haltung polnischer wie russischer Offizieller zum Anlass auf die Fortschritte im sensiblen Verhältnis zwischen Polen und Russland hinzuweisen.
Bei alldem entwickelten sich auch veritable deutsch-polnische Akzente. Die deutsch-polnischen Spielergemeinschaften mit den „Klassikern“ Podolski und Klose sowie jüngeren Phänomenen wie dem Dortmunder Dreierpack oder dem deutschen Polen Boenisch sind ebenso ein Beispiel hierfür wie die TV-vermittelte Nachbarschaft zu Polen am „ZDF-Fussballstrand“ auf der „deutsch-polnischen“ Insel Usedom oder Berichte über deutsche Firmen, die an Konzipierung und Bau der polnischen EM-Stadien mitgewirkt hatten. Ein ähnliche Nähe wie zu Polen wurde in den Berichten über das zweite Ausrichterland nicht transportiert – und dies nicht nur aus geographischen Gründen. Im Blog der Fussballfachzeitschrift kicker hieß es daher auch zusammenfassend: „Die Ukraine ist das Tor zum Osten, Polen gehört längst zum Westen.“